Mobbing Autor: Haß, 15.01.2017 Was ist Mobbing? Als   Mobbing   kann   praktisch   jedes   Verhalten   bezeichnet   werden,   das   in   der   Lage   ist,   einem anderen Menschen seelisches Leid zuzufügen. Intrigen können Mobbing sein. Ebenso   falsche   Anschuldigungen,   schlecht   machen   von   Leistungen,   praktisch   jedes   Wort,   jede Handlung, die als Erniedrigung verstanden werden kann, ist letztlich eine Art von Mobbing. Mobbing   kann   bewusst   geschehen.   In   voller   Absicht,   mit   dem   Ziel,   einem   Menschen   Schaden zuzufügen. Doch   es   kann   auch   unbewusst   geschehen.   Allein   dadurch,   dass   derjenige,   der   Mobbing   betreibt, nicht merkt, dass er damit Gefühle verletzt. Man   könnte   sagen,   dass   Mobbing   aus   Schlägen   besteht,   die   nicht   den   Köper   treffen,   sondern   die Seele. - Mit körperlichen Schlägen kann ich einen Menschen verletzen, soweit, dass er stirbt. -   Mit   emotionalen   Schlägen   (Mobbing)   kann   ich   die   Seele   verletzen,   so   sehr,   dass   ein   Mensch freiwillig aus dem Leben scheidet. Im   ersten   Fall   bin   ich   des   Totschlags   schuldig.   Und   wenn   es   in   voller   Absicht   geschah,   bin   ich   ein Mörder. Was bin ich im zweiten Fall? Ist mein Opfer selbst schuld, dass es so verletzlich, so sensibel ist? Kommen wir zurück zum Körperlichen. Die Schläge treffen einen starken gesunden Menschen. Er übersteht sie. Die Schläge treffen einen Menschen mit Herzproblemen. Er stirbt. Nun   kann   derjenige,   der   geschlagen   hat,   sagen,   dass   er   es   nicht   getan   hätte,   wenn   er   gewusst hätte, dass sein Opfer krank war. Befreit ihn dies von Schuld? Mindert es sie? Ist es die Schuld eines sensiblen Menschen, dass er sensibel ist? Ist Stärke die Voraussetzung für Gerechtigkeit? Blicken   wir   zurück.   Ein   Kind   in   einer   Schule.   Das   Kind   ist   auffällig   unauffällig.   Und   genau   dadurch weckt es das Interesse der Anderen. Doch nicht im positiven Sinn. Das Kind wird zum Außenseiter. Es wird drangsaliert. Es wird gejagt. Es wird gestoßen. Und wenn es wegläuft, dann jagt man es, stößt es zu Boden, tritt es und bespuckt es. Und zudem hört es die Worte. „Das was jetzt passiert, bist du selber schuld!“ Nur, welche Schuld ist gemeint? Das   Kind   hat   nichts   getan.   Es   hat   nicht   gestohlen.   Es   hat   niemanden   beleidigt.   Es   hat   nichts Schlechtes über irgendjemanden gesagt. Also, was war sein Fehler? Es hat keinen Fehler gemacht. Es hat keine schlechte Tat begangen. Das Kind war nur eben anders, als es hätte sein sollen. Es entsprach nicht dem, was die Anderen als normales Verhaltensmuster ansahen. Und damit wurde es zum Gegner. Zum Außenseiter. Außenseiter gefährden die Integrität der Gruppe. Wie   sollen   alle   Mitglieder   der   Gruppe   glauben   können,   dass   ihr   Verhalten   normal   und   richtig   ist, wenn da draußen jemand ist, der anders ist? So wird die Andersartigkeit zum Störfaktor für das eigene Selbstverständnis. Die Folge ist Ablehnung. Und aus Ablehnung wird der Wunsch nach Vertreibung. Die   Frage   ist   nur,   warum   erkennen   diejenigen,   die   sich   falsch   verhalten,   nicht,   dass   sie   sich   falsch verhalten? Fragt man sie, warum sie das tun, sollte man nicht überrascht sein, wenn die Antwort lautet. „Ich weiß es nicht.“ ‘‘Wenn   ich   etwas   tue,   von   dem   ich   nicht   weiß,   warum   ich   es   tue,   dann   sollte   ich   es besser lassen. Man sagt, es gibt Menschen, denen steht das Wort „Opfer“ auf die Stirn geschrieben. Meist   sind   es   unauffällige   Menschen,   die   keine   Ambitionen   auf   besondere   Anerkennung   haben   und die sich für ihre Position in einer Gruppe nicht wirklich interessieren. Die Gruppe könnte dies als Desinteresse der Gruppe gegenüber interpretieren. Und damit als eine mangelnde Anerkennung und Wertschätzung. In    früheren    Monarchien    war    es    besser,    man    neigte    ehrfürchtig    den    Kopf,    wenn    der    König vorbeischritt. Denn   nichts   forderte   der   König   mehr,   als   Anerkennung   und   Wertschätzung.   Denn   diese   sind schließlich Zeichen von Akzeptanz. Und   Akzeptanz   ist   das,   was   ein   Herrscher   am   meisten   braucht.   Es   ist   sozusagen   der   Strom,   der ihm das Licht der Macht erhält. Anerkennung kann somit als Nahrung des Selbstwertgefühls angesehen werden. Und das heißt, dass wir Menschen, die uns nicht anerkennen, nicht mögen. Wie auch? Allerdings darf ich niemanden dafür verurteilen, dass er mir keine Wertschätzung entgegenbringt. Gut, von einem entsprechenden Partner darf man sich in dem Fall trennen. Doch in meinem Arbeitsumfeld muss ich es tolerieren können. Nicht jeder Kollege kann mein Freund sein. Aber das darf ihn nicht zu meinem Feind machen. Leider   wäre   da   noch   das   Gefühl   der   Eitelkeit.   Menschen,   denen   die   Aufmerksamkeit   der   anderen viel   bedeutet,   werden   es   nicht   so   einfach   hinnehmen,   wenn   sie   diese   Aufmerksamkeit   nicht bekommen. Aber soll man sie wegen ihrer Eitelkeit nun hofieren? Nein,   denn   das   wäre   ungerecht   denen   gegenüber,   die   nicht   eitel   sind.   Denn   sollen   sie   deswegen weniger Aufmerksamkeit bekommen? Dann wäre Bescheidenheit ein Manko! Es   ist   nicht   falsch,   wenn   man   nun   langsam   zu   der   Überzeugung   kommt,   dass   das   Thema   Mobbing ein sehr komplexes Thema ist. Und es ist interaktiv. Es braucht jemanden, der anfällig für Mobbing ist und es braucht jemanden, der Mobbing ausübt. Dabei   ist   die   einzige   Schuld   desjenigen,   der   für   Mobbing   anfällig   ist,   die,   dass   er   so   ist,   wie   er   ist und sich auch noch so zeigt. Er   schauspielert   nicht.   Er   präsentiert   den   anderen   kein   Bild   von   sich.   Er   macht   nichts   anderes,   als er selbst zu sein. Was ist daran schlecht? Gut, wenn er sich schlecht benehmen würde, ja dann. Aber das tut er nicht. Er klagt nicht, schimpft nicht und redet nicht hinter dem Rücken von jemandem. Also, was macht er falsch? Was ist schlecht an ihm? Blicken wir kurz auf ein Rudel Wölfe. Der Leitwolf erwartet Gehorsamkeit. Und dazu hat jedes Rudelmitglied Unterwürfigkeit zu zeigen. Tut es das nicht, setzt es Hiebe und Bisse. Würde ein Chef in einer Firma das machen, würde er im Gefängnis landen. Aber   da   beim   Mobbing   nur   Worte   verwendet   werden,   wie   will   man   da   entscheiden,   wo   ein normaler Konflikt aufhört und das Mobbing beginnt? Jemand sagte mal: Wenn   jemand   tot   im   Besenschrank   hängt   und   auf   seiner   Brust   ein   Zettel   hängt,   auf   dem   steht, wie man ihn gemobbt hat, dann können wir von Mobbing sprechen. Schön, nur der Tote hört das nicht mehr. Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole. Man   kann   Menschen   mit   Worten   töten.   Und   man   selbst   darf   sich   dann   die   Frage   stellen,   welche Schuld man trägt. Was soll man tun, wenn man gemobbt wird? Und wie soll man selbst wissen, ab wann es Mobbing ist? Schließlich ist man selbst ja nicht objektiv. Was   der   eine   bereits   als   Mobbing   ansieht,   ist   für   den   anderen   ein   normaler   Streit,   sind   normale Differenzen, oder ein schlichtes; „die können nicht miteinander“. Und   je   weiter   oben   das   Mobbing   angesiedelt   ist,   wenn   es   gar   vom   Chef   selbst   kommt,   wie   soll man sich dann dagegen wehren? Wir   erinnern   uns,   am   anfälligsten   für   Mobbing   sind   die   sensiblen   Menschen.   Das   sind   die,   die Konflikte scheuen. Also, wie soll sich ein solcher, sensibler Mensch erfolgreich zur Wehr setzen? Er   hat   keine   Übung   darin.   Er   weiß   nicht,   welches   Verhalten,   welche   Körpersprache   ihm   den richtigen Erfolg bringt. Einfach ausgedrückt, ihm fehlen die „Waffen“, um sich wehren zu können. Was bleibt, ist ein andauerndes Leiden, das letztlich in die Depression führt. Oder der Wechsel des Arbeitsplatzes. Was aber, wenn es die Arbeit ist, die ich liebe? Und der Ort, an dem ich mich wohl fühle? Für den Betroffenen bekommt das Wort „Dilemma“ dann eine besondere Bedeutung. Mobbing kann schlimmer sein, als körperliche Gewalt. Blaue Flecken trage ich außen und sie vergehen. Doch die Folgen des Mobbings trage ich in mir. Sie begleiten mich nach Hause. Sie begleiten mich in den Schlaf. Und sie wachen mit mir auf. Sie sind wie Schläge, die niemals aufhören. Die beständig auf mich einprasseln. ‘‘Physische   Gewalt   lässt   den   Körper   leiden.   Psychische   Gewalt   trifft   die   Seele.   Von   ersterem wissen wir, dass es vergänglich ist… Womit   hat   ein   Mensch,   der   nichts   Böses   getan   hat,   es   verdient,   dass   man   ihm   seelisches   Leid zufügt? Und wie anständig ist der Mensch, der einen anderen leiden lässt? Folter ist unmenschlich. Sie ist verboten. Mit Recht. Doch Mobbing kann zu einer Art von Folter werden! Für mich etwas paradox ist folgendes: Der Mensch, der durch Mobbing an Depression erkrankt, gilt als psychisch krank. Während der Mensch, der das Mobbing durchgeführt hat, als psychisch gesund gilt. Ist das richtig? Beispiele für Mobbing. Ein Sachbearbeiter wird ständig mit niederwertigen Aufgaben betraut. Was hier das Selbstwertgefühl angreift. Ein Kollege übt meinen Chef gegenüber Kritik an meiner Arbeit, ohne die Kritik zu spezifizieren. „Das, was Kollege X macht, ist ja nicht so toll.“ Diese   Form   von   Kritik,   insbesondere   wenn   Kollege   X   daneben   steht,   ist   eine   Form   pauschaler Schmähung. Auch    hier    wird    das    Selbstwertgefühl    angegriffen,    in    Zusammenhang    mit    Anfeindung    und Ausgrenzung. Echte Kritik muss auf echte Fehler verweisen und darf nicht pauschal sein. Egal, was man tut, man wird beständig belehrt, dass man es hätte besser machen können. Hier    erfolgt    das    Mobbing    dadurch,    dass    jede    Form    von    Anerkennung    oder    Wertschätzung ausbleibt. Beständiges   Antreiben.   Dies   kann   dadurch   geschehen,   dass   man   eine   Aufgabe   erhält,   und   bevor man   es   schaffen   kann,   diese   Aufgabe   zu   erledigen,   erhält   man   die   nächste.   Versehen   mit   einem Abgabetermin. Dies    wäre    Überforderung,    in    Verbindung    mit    mangelnder    Rücksichtnahme,    was    wieder    die Wertschätzung betrifft. Es gibt viele weitere Möglichkeiten des Mobbings. Üble Nachrede wäre hier zu nennen. In der Pause werden Unwahrheiten oder Übertreibungen über jemanden verbreitet. Oder Offensichtliches meiden. Immer, wenn jemand zur Pause kommt, hört die Gruppe auf zu reden und löst sich auf. Die   Möglichkeiten   des   Mobbings   sind   zu   vielfältig,   um   sie   hier   aufzuzählen.   Vielleicht   will   ich   mich auch einfach nicht damit beschäftigen. Nur so viel: Jemand hat mal gesagt, wenn man es als Mobbing empfindet, dann ist es Mobbing. Dieser jemand war ein Arzt. Auch Herabwürdigung kann als Mobbing empfunden werden. „Was sie nun wieder sagen.“ Dieser,   mit   einem   Ton   von   Zweifel   und   Missbilligung   unterlegte,   Satz   ist   eine   Herabwürdigung einer Aussage. Und damit auch eine Herabwürdigung des Menschen, von dem die Aussage stammt. Geschieht dies nur manchmal, ist es vernachlässigbar. Geschieht es regelmäßig, wirkt es diskriminierend. Wie sagt man so schön. ‚Steter Tropfen höhlt den Stein‘. „Sie sind aber sensibel.“ In der Regel hören das Menschen, die sensibel sind. Und meist ist es eine Art Vorwurf. Und   eine   Anklage.   Denn   demjenigen,   der   einem   vorwirft,   dass   man   sensibel   ist,   ist   es   aufgefallen. Und das kann es nur, wenn er etwas gesagt hat, was eine sensible Reaktion auslöste. Für viele Menschen gilt. „Derjenige, der stark ist, hält es aus.“ Soll   das   heißen,   dass   alle   Menschen,   die   sensibel   sind,   selbst   schuld   daran   sind,   dass   sie   unter schlechtem Benehmen, bis hin zu Mobbing, leiden?
Soziologie
Herbert Haß
Mobbing Autor: Haß, 15.01.2017 Was ist Mobbing? Als   Mobbing   kann   praktisch   jedes   Verhalten   bezeichnet   werden,   das   in der Lage ist, einem anderen Menschen seelisches Leid zuzufügen. Intrigen können Mobbing sein. Ebenso    falsche    Anschuldigungen,    schlecht    machen    von    Leistungen, praktisch   jedes   Wort,   jede   Handlung,   die   als   Erniedrigung   verstanden werden kann, ist letztlich eine Art von Mobbing. Mobbing   kann   bewusst   geschehen.   In   voller   Absicht,   mit   dem   Ziel, einem Menschen Schaden zuzufügen. Doch    es    kann    auch    unbewusst    geschehen.    Allein    dadurch,    dass derjenige,   der   Mobbing   betreibt,   nicht   merkt,   dass   er   damit   Gefühle verletzt. Man   könnte   sagen,   dass   Mobbing   aus   Schlägen   besteht,   die   nicht   den Köper treffen, sondern die Seele. -   Mit   körperlichen   Schlägen   kann   ich   einen   Menschen   verletzen,   soweit, dass er stirbt. -   Mit   emotionalen   Schlägen   (Mobbing)   kann   ich   die   Seele   verletzen,   so sehr, dass ein Mensch freiwillig aus dem Leben scheidet. Im   ersten   Fall   bin   ich   des   Totschlags   schuldig.   Und   wenn   es   in   voller Absicht geschah, bin ich ein Mörder. Was bin ich im zweiten Fall? Ist mein Opfer selbst schuld, dass es so verletzlich, so sensibel ist? Kommen wir zurück zum Körperlichen. Die Schläge treffen einen starken gesunden Menschen. Er übersteht sie. Die Schläge treffen einen Menschen mit Herzproblemen. Er stirbt. Nun   kann   derjenige,   der   geschlagen   hat,   sagen,   dass   er   es   nicht   getan hätte, wenn er gewusst hätte, dass sein Opfer krank war. Befreit ihn dies von Schuld? Mindert es sie? Ist es die Schuld eines sensiblen Menschen, dass er sensibel ist? Ist Stärke die Voraussetzung für Gerechtigkeit? Blicken   wir   zurück.   Ein   Kind   in   einer   Schule.   Das   Kind   ist   auffällig unauffällig.   Und   genau   dadurch   weckt   es   das   Interesse   der   Anderen. Doch nicht im positiven Sinn. Das Kind wird zum Außenseiter. Es wird drangsaliert. Es wird gejagt. Es wird gestoßen. Und   wenn   es   wegläuft,   dann   jagt   man   es,   stößt   es   zu   Boden,   tritt   es und bespuckt es. Und   zudem   hört   es   die   Worte.   „Das   was   jetzt   passiert,   bist   du   selber schuld!“ Nur, welche Schuld ist gemeint? Das   Kind   hat   nichts   getan.   Es   hat   nicht   gestohlen.   Es   hat   niemanden beleidigt. Es hat nichts Schlechtes über irgendjemanden gesagt. Also, was war sein Fehler? Es hat keinen Fehler gemacht. Es hat keine schlechte Tat begangen. Das Kind war nur eben anders, als es hätte sein sollen. Es      entsprach      nicht      dem,      was      die      Anderen      als      normales Verhaltensmuster ansahen. Und damit wurde es zum Gegner. Zum Außenseiter. Außenseiter gefährden die Integrität der Gruppe. Wie    sollen    alle    Mitglieder    der    Gruppe    glauben    können,    dass    ihr Verhalten   normal   und   richtig   ist,   wenn   da   draußen   jemand   ist,   der anders ist? So     wird     die     Andersartigkeit     zum     Störfaktor     für     das     eigene Selbstverständnis. Die   Folge   ist   Ablehnung.   Und   aus   Ablehnung   wird   der   Wunsch   nach Vertreibung. Die   Frage   ist   nur,   warum   erkennen   diejenigen,   die   sich   falsch   verhalten, nicht, dass sie sich falsch verhalten? Fragt   man   sie,   warum   sie   das   tun,   sollte   man   nicht   überrascht   sein, wenn die Antwort lautet. „Ich weiß es nicht.“ ‘‘Wenn   ich   etwas   tue,   von   dem   ich   nicht   weiß,   warum   ich   es   tue, dann sollte ich es besser lassen. Man   sagt,   es   gibt   Menschen,   denen   steht   das   Wort   „Opfer“   auf   die   Stirn geschrieben. Meist    sind    es    unauffällige    Menschen,    die    keine    Ambitionen    auf besondere   Anerkennung   haben   und   die   sich   für   ihre   Position   in   einer Gruppe nicht wirklich interessieren. Die    Gruppe    könnte    dies    als    Desinteresse    der    Gruppe    gegenüber interpretieren. Und damit als eine mangelnde Anerkennung und Wertschätzung. In   früheren   Monarchien   war   es   besser,   man   neigte   ehrfürchtig   den   Kopf, wenn der König vorbeischritt. Denn     nichts     forderte     der     König     mehr,     als     Anerkennung     und Wertschätzung. Denn diese sind schließlich Zeichen von Akzeptanz. Und   Akzeptanz   ist   das,   was   ein   Herrscher   am   meisten   braucht.   Es   ist sozusagen der Strom, der ihm das Licht der Macht erhält. Anerkennung   kann   somit   als   Nahrung   des   Selbstwertgefühls   angesehen werden. Und   das   heißt,   dass   wir   Menschen,   die   uns   nicht   anerkennen,   nicht mögen. Wie auch? Allerdings    darf    ich    niemanden    dafür    verurteilen,    dass    er    mir    keine Wertschätzung entgegenbringt. Gut,   von   einem   entsprechenden   Partner   darf   man   sich   in   dem   Fall trennen. Doch in meinem Arbeitsumfeld muss ich es tolerieren können. Nicht jeder Kollege kann mein Freund sein. Aber das darf ihn nicht zu meinem Feind machen. Leider   wäre   da   noch   das   Gefühl   der   Eitelkeit.   Menschen,   denen   die Aufmerksamkeit   der   anderen   viel   bedeutet,   werden   es   nicht   so   einfach hinnehmen,   wenn   sie   diese   Aufmerksamkeit   nicht   bekommen.   Aber   soll man sie wegen ihrer Eitelkeit nun hofieren? Nein,   denn   das   wäre   ungerecht   denen   gegenüber,   die   nicht   eitel   sind. Denn sollen sie deswegen weniger Aufmerksamkeit bekommen? Dann wäre Bescheidenheit ein Manko! Es   ist   nicht   falsch,   wenn   man   nun   langsam   zu   der   Überzeugung   kommt, dass das Thema Mobbing ein sehr komplexes Thema ist. Und es ist interaktiv. Es    braucht    jemanden,    der    anfällig    für    Mobbing    ist    und    es    braucht jemanden, der Mobbing ausübt. Dabei   ist   die   einzige   Schuld   desjenigen,   der   für   Mobbing   anfällig   ist,   die, dass er so ist, wie er ist und sich auch noch so zeigt. Er   schauspielert   nicht.   Er   präsentiert   den   anderen   kein   Bild   von   sich.   Er macht nichts anderes, als er selbst zu sein. Was ist daran schlecht? Gut, wenn er sich schlecht benehmen würde, ja dann. Aber das tut er nicht. Er   klagt   nicht,   schimpft   nicht   und   redet   nicht   hinter   dem   Rücken   von jemandem. Also, was macht er falsch? Was ist schlecht an ihm? Blicken wir kurz auf ein Rudel Wölfe. Der   Leitwolf   erwartet   Gehorsamkeit.   Und   dazu   hat   jedes   Rudelmitglied Unterwürfigkeit zu zeigen. Tut es das nicht, setzt es Hiebe und Bisse. Würde   ein   Chef   in   einer   Firma   das   machen,   würde   er   im   Gefängnis landen. Aber   da   beim   Mobbing   nur   Worte   verwendet   werden,   wie   will   man   da entscheiden,    wo    ein    normaler    Konflikt    aufhört    und    das    Mobbing beginnt? Jemand sagte mal: Wenn   jemand   tot   im   Besenschrank   hängt   und   auf   seiner   Brust   ein   Zettel hängt,   auf   dem   steht,   wie   man   ihn   gemobbt   hat,   dann   können   wir   von Mobbing sprechen. Schön, nur der Tote hört das nicht mehr. Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole. Man   kann   Menschen   mit   Worten   töten.   Und   man   selbst   darf   sich   dann die Frage stellen, welche Schuld man trägt. Was soll man tun, wenn man gemobbt wird? Und wie soll man selbst wissen, ab wann es Mobbing ist? Schließlich ist man selbst ja nicht objektiv. Was   der   eine   bereits   als   Mobbing   ansieht,   ist   für   den   anderen   ein normaler   Streit,   sind   normale   Differenzen,   oder   ein   schlichtes;   „die können nicht miteinander“. Und   je   weiter   oben   das   Mobbing   angesiedelt   ist,   wenn   es   gar   vom   Chef selbst kommt, wie soll man sich dann dagegen wehren? Wir    erinnern    uns,    am    anfälligsten    für    Mobbing    sind    die    sensiblen Menschen. Das sind die, die Konflikte scheuen. Also,   wie   soll   sich   ein   solcher,   sensibler   Mensch   erfolgreich   zur   Wehr setzen? Er   hat   keine   Übung   darin.   Er   weiß   nicht,   welches   Verhalten,   welche Körpersprache ihm den richtigen Erfolg bringt. Einfach    ausgedrückt,    ihm    fehlen    die    „Waffen“,    um    sich    wehren    zu können. Was   bleibt,   ist   ein   andauerndes   Leiden,   das   letztlich   in   die   Depression führt. Oder der Wechsel des Arbeitsplatzes. Was   aber,   wenn   es   die   Arbeit   ist,   die   ich   liebe?   Und   der   Ort,   an   dem   ich mich wohl fühle? Für    den    Betroffenen    bekommt    das    Wort    „Dilemma“    dann    eine besondere Bedeutung. Mobbing kann schlimmer sein, als körperliche Gewalt. Blaue Flecken trage ich außen und sie vergehen. Doch die Folgen des Mobbings trage ich in mir. Sie begleiten mich nach Hause. Sie begleiten mich in den Schlaf. Und sie wachen mit mir auf. Sie   sind   wie   Schläge,   die   niemals   aufhören.   Die   beständig   auf   mich einprasseln. ‘‘Physische   Gewalt   lässt   den   Körper   leiden.   Psychische   Gewalt   trifft   die Seele. Von ersterem wissen wir, dass es vergänglich ist… Womit   hat   ein   Mensch,   der   nichts   Böses   getan   hat,   es   verdient,   dass man ihm seelisches Leid zufügt? Und wie anständig ist der Mensch, der einen anderen leiden lässt? Folter ist unmenschlich. Sie ist verboten. Mit Recht. Doch Mobbing kann zu einer Art von Folter werden! Für mich etwas paradox ist folgendes: Der    Mensch,    der    durch    Mobbing    an    Depression    erkrankt,    gilt    als psychisch krank. Während   der   Mensch,   der   das   Mobbing   durchgeführt   hat,   als   psychisch gesund gilt. Ist das richtig? Beispiele für Mobbing. Ein Sachbearbeiter wird ständig mit niederwertigen Aufgaben betraut. Was hier das Selbstwertgefühl angreift. Ein   Kollege   übt   meinen   Chef   gegenüber   Kritik   an   meiner   Arbeit,   ohne die Kritik zu spezifizieren. „Das, was Kollege X macht, ist ja nicht so toll.“ Diese   Form   von   Kritik,   insbesondere   wenn   Kollege   X   daneben   steht,   ist eine Form pauschaler Schmähung. Auch   hier   wird   das   Selbstwertgefühl   angegriffen,   in   Zusammenhang   mit Anfeindung und Ausgrenzung. Echte   Kritik   muss   auf   echte   Fehler   verweisen   und   darf   nicht   pauschal sein. Egal,   was   man   tut,   man   wird   beständig   belehrt,   dass   man   es   hätte besser machen können. Hier   erfolgt   das   Mobbing   dadurch,   dass   jede   Form   von   Anerkennung oder Wertschätzung ausbleibt. Beständiges   Antreiben.   Dies   kann   dadurch   geschehen,   dass   man   eine Aufgabe   erhält,   und   bevor   man   es   schaffen   kann,   diese   Aufgabe   zu erledigen, erhält man die nächste. Versehen mit einem Abgabetermin. Dies      wäre      Überforderung,      in      Verbindung      mit      mangelnder Rücksichtnahme, was wieder die Wertschätzung betrifft. Es gibt viele weitere Möglichkeiten des Mobbings. Üble Nachrede wäre hier zu nennen. In   der   Pause   werden   Unwahrheiten   oder   Übertreibungen   über   jemanden verbreitet. Oder Offensichtliches meiden. Immer,   wenn   jemand   zur   Pause   kommt,   hört   die   Gruppe   auf   zu   reden und löst sich auf. Die    Möglichkeiten    des    Mobbings    sind    zu    vielfältig,    um    sie    hier aufzuzählen.     Vielleicht     will     ich     mich     auch     einfach     nicht     damit beschäftigen. Nur    so    viel:    Jemand    hat    mal    gesagt,    wenn    man    es    als    Mobbing empfindet, dann ist es Mobbing. Dieser jemand war ein Arzt. Auch Herabwürdigung kann als Mobbing empfunden werden. „Was sie nun wieder sagen.“ Dieser,   mit   einem   Ton   von   Zweifel   und   Missbilligung   unterlegte,   Satz   ist eine Herabwürdigung einer Aussage. Und   damit   auch   eine   Herabwürdigung   des   Menschen,   von   dem   die Aussage stammt. Geschieht dies nur manchmal, ist es vernachlässigbar. Geschieht es regelmäßig, wirkt es diskriminierend. Wie sagt man so schön. ‚Steter Tropfen höhlt den Stein‘. „Sie sind aber sensibel.“ In   der   Regel   hören   das   Menschen,   die   sensibel   sind.   Und   meist   ist   es eine Art Vorwurf. Und   eine   Anklage.   Denn   demjenigen,   der   einem   vorwirft,   dass   man sensibel   ist,   ist   es   aufgefallen.   Und   das   kann   es   nur,   wenn   er   etwas gesagt hat, was eine sensible Reaktion auslöste. Für viele Menschen gilt. „Derjenige, der stark ist, hält es aus.“ Soll   das   heißen,   dass   alle   Menschen,   die   sensibel   sind,   selbst   schuld daran   sind,   dass   sie   unter   schlechtem   Benehmen,   bis   hin   zu   Mobbing, leiden?
Wissenschaft: Soziologie
Herbert Haß