Stress Autor: Haß, 08.07.2017 Was ist Stress? Stress   ist   jede   Form   von   körperlicher   und/oder   geistiger   Belastung,   die   über   dem   gewohnten   Maß liegt.   Das   heißt,   es   muss   nicht   einmal   maximale   Belastung   oder   Überlastung   sein,   um   in   den Bereich von Stress zu kommen! Dabei   ist   Stress   nicht   gleich   Stress.   Es   gibt   Distress,   das   ist   Stress,   der   uns   emotional   negativ belastet (Wut, Angst, Frust). Und es gibt Eustress, der uns emotional positiv belastet (Freude). Stress entsteht immer, wenn: - für eine Tätigkeit nicht genügend Zeit zur Verfügung steht. - gleichzeitig mehrere Tätigkeiten ausgeführt werden müssen. - eine Tätigkeit zu umfangreich ist. - eine Tätigkeit eine andauernd hohe Konzentration erfordert. - eine Tätigkeit unter sozialem Druck (z. B. Anfeuerung) ausgeführt wird. - eine hohe Erwartungshaltung seitens Anderer (Zuseher) besteht. - eine Tätigkeit Angst generiert (Bergsteigen mit Absturzgefahr). - wir mit einer gefährlichen Situation konfrontiert werden. - wenn uns negative Emotionen entgegengebracht werden (Zorn, Wut, Streit). - es zu vermindertem sozialen Kontakt kommt (Ausgrenzung). Die   Liste   ließe   sich   noch   weiter   fortsetzen   und   auch   in   Ursachen   für   Distress   und   Eustress kategorisieren.   Sparen   wir   uns   das   jetzt   (bevor   obige   Liste   stressig   wird….)   und   widmen   uns   dem Stressfaktor, der sozusagen zu einem bösen Zeitgeist unserer Zeit geworden ist. Dafür verknüpfen wir Punkt eins und zwei aus obiger Liste. - wenn gleichzeitig mehrere Tätigkeiten, unter Zeitdruck, ausgeführt werden müssen. Wir   leben   in   einer   Zeit,   in   der   Zeit   zu   einem   bestimmenden   Faktor   unseres   Lebens geworden ist. Vergleichen wir es mal mit früheren Zeiten anhand einiger lebensbestimmender Faktoren. Informationsfluss: 1917: Zeitungen und mündliche Weitergabe (verbal) 2017: Internet (Computer/Smartphone), Fernsehen, Radio, Zeitungen, verbal. Informationsmenge: 1917: Gering, wenige sensationelle Nachrichten pro Woche. Meist die nähere Umgebung oder           Nachbarländer betreffend. 2017: Hoch, praktisch stündlich ein bis mehrere Nachrichten, die als sensationell empfunden           werden, unabhängig von ihrer tatsächlichen Bedeutung. (Ein Furz darf stinken, aber ist er           es Wert, dass man über ihn redet?). Informationen sind nicht mehr regional begrenzt,           sondern werden global übermittelt. (Die Welt heute, ist das Dorf von 1917). Informationsmittel: 1917: Zeitungen, Bücher 2017: Internet, TV, Kino, Video, Smartphone, Zeitungen, Radio, Bücher. Fortbewegung: 1917: Zu Fuß (ist gut für die Gelenke!), Pferd, Kutsche, Eisenbahn, Schiff, Auto. 2017: Auto! Busse, Bahn, Flugzeug, U-Bahn, Schiff, zu Fuß.           (Anmerkung für „zu Fuß“) die Wege (Flanieren) zwischen Shops und Supermärkten           sind hier nicht gemeint. Sondern die Wege von der Wohnung zu einem primären Ziel           (Stadt/Arbeit/Freund) Arbeit: 1917: hauptsächlich körperliche Arbeit unter Verwendung realer (greifbarer) Arbeitsmittel. 2017: hoher Anteil geistiger Arbeit unter Verwendung virtueller Arbeitsmittel (Computer).           (Mit virtuell sind hier nicht die Tasten der Tastatur gemeint…). Arbeitsweg: 1917: Selten mehr als 2 Kilometer. Wurde in der Regel zu Fuß bewältigt. 2017: 10 bis 30 Kilometer. Meist mit Auto, Bahn, Bus. Sozialer Kontakt: 1917: Primär direkter Kontakt mit verbaler Kommunikation in physisch geringer Distanz          zueinander. 2017: Primär indirekter Kontakt ohne physischen Kontakt. Vielfach nonverbal (E-Mail,            Smartphone). Prioritäten: 1917: Wohnung, Ernährung, Arbeit, soziale Umgebung (Nachbarschaftliche Kontaktpflege),           Freizeit. 2017: Statussymbole (Smartphone, Auto, Internetpräsenz, Arbeit), Wohnung, indirekter sozialer            Kontakt (social Network), Freizeit, Ernährung. Entspannung: 1917: Plausch mit Nachbarn und Freunden. 2017: Erlebnisurlaub, Wellness, Entspannungsseminare (how to come down…). Das   sollte   genügen,   um   zu   dem   Schluß   zu   kommen,   dass   1917   so   einiges   sehr   viel   anders   war,   als unsere heutige Kommunikationsgesellschaft für normal hält. Menschen des Jahres 1917 hingegen würden uns für vollkommen überdreht halten. Allein   schon   Anbetracht   der   Entfernungen,   die   wir   jeden   Tag   zurücklegen.   Ganz   zu   schweigen   von der Informationsvielfalt, die täglich auf uns einströmt. Und   sie   würden   sagen,   dass   wir   keine   Zeit   für   uns   haben.   Dass   wir   selbst   nach   der   Arbeit   noch arbeiten.    Weil    sie    unsere    Suche    nach    Informationen,    unser    dauerhaftes    Kommunizieren (Internet/Smartphone) als Stress empfinden würden. Wir hingegen, die diese Lebensart gewohnt sind, merken nicht mehr, dass es Stress ist. Aber warum ist es Stress? Ich sage nur Hamsterrad! Was hat das nun damit zu tun??? Nun,   ein   Hamster   mag   sich   bewegen,   deswegen   spendiert   man   ihm   ein   Hamsterrad,   in   dem   er fleißig   laufen   kann.   Hat   jemand   schon   mal   einen   Hamster   gesehen,   der   länger   als   ein   paar Minuten   dauerhaft   läuft?   Der   Hamster   weiß,   was   gesund   ist.   Er   rennt   so   viel   wie   nötig   ist,   um Muskeln, Gelenke und Kreislauf fit zu halten. Dann frisst er, hamstert rum, oder entspannt sich. Und was machen wir? Oder besser gesagt, was machen wir mit unserem Gehirn? Wir setzen es dauerhaft in ein Hamsterrad! Ständig   lassen   wir   Informationen   auf   uns   einprasseln.   Wir   könnten   ja   etwas   verpassen.   Etwas, was   uns   zwar   nicht   betrifft,   aber   uns   unheimlich   wichtig   erscheint.   Denn   schließlich   ist   ja   nur   „In“, wer   mitreden   kann.   Und   dafür   muss   man   ja   wissen,   was   aktuell   durchs   Internet   geistert.   Und? Wie   lange   bleibt   die   eben   noch   so   wichtige   Nachricht   in   unserer   Erinnerung?   Einen   Tag,   zwei   Tage, eine Woche? Wann ist das, was heute noch so spektakulär erschien, in der Erinnerung verschwunden? Es   gibt   einen   Unterschied   zu   unserer   quasibewussten   emotionalen   Einschätzung   und   zu   den Einschätzungen, die unser Gehirn unterbewusst vornimmt. Unser   Gehirn   ist   ein   fantastisches   Organ.   Und   es   ist   autonom.   Das   heißt,   es   ist   in   hohem   Maße selbstständig.    Es    analysiert,    berechnet    und    trifft    Schlussfolgerungen,    ohne    dass    wir    davon überhaupt etwas merken. Unvorstellbar? Nun,   wo   kommen   sie   denn   her,   die   spontanen   Ideen,   die   wir   so   haben?   Ganz   bestimmt   kommen sie   nicht   aus   dem   Nichts.   Vielmehr   aus   Regionen   unseres   Gehirn,   die   sich   der   bewussten   Kontrolle und den bewussten Gedanken entziehen. Unser   Bewusstsein   ist   nicht   gleichzusetzen   mit   unserem   Gehirn.   Unser   Bewusstsein   ist   nur   ein   Teil davon. Man könnte sagen, dass es die oberste Instanz ist, oder zumindest sein kann. Zurück    zur    spektakulären    Information!    Nachdem    wir    sie    verschlungen    haben,    was    zur Befriedigung   unserer   emotionalen   Erlebnisgier   beigetragen   hat,   verbleibt   die   Information   erst   mal in    den    unzugänglichen    (unterbewussten)    Regionen    unseres    Gehirns    und    wird    dort    auf    ihre Nützlichkeit   hin   untersucht.   Kommt   dieser   Teil   des   Gehirns   zu   dem   Schluß,   dass   die   Information keinen   Nutzen   hat,   wird   sie   ad   acta   gelegt.   Und   zwar   in   einen   Bereich,   wo   alle   eher   nutzlosen Erinnerungen hinwandern und die wir dann auch nicht so einfach wiederfinden. Was   heute   noch   wichtig   und   sensationell   war,   wandert   über   Nacht   schon   mal   allzu   leicht   in   den Ordner „Nebensächliches“. Und das mit Recht. Stellen   wir   uns   vor,   unser   unterbewusster   Teil   unseres   Gehirns   könnte   mit   uns   reden.   Wie   oft   am Tag würde es wohl sagen: „Was laberst du mich voll!“ Nun,    unser    Gehirn    ist    von    der    Evolution    als    informationsverarbeitendes    System    geschaffen worden. Es   ist   also   dazu   da,   Informationen   zu   verarbeiten.   Deswegen   nimmt   es   auch   gierig   alles   auf,   was wie   eine   Information   auch   nur   aussieht.   Ganz   besonders,   wenn   es   neu   ist,   oder   uns   emotional stimuliert. Soziale, sensationell erscheinende, Neuigkeiten sind da erste Wahl. Das   bedeutet,   dass   wir   allzu   leicht   zu   einer   Art   Informationssklaven   eines   ausufernden   informellen Systems werden können. Informationen als Droge? Ist das vorstellbar? Sie   nutzen   ihr   Smartphone   so   oft,   dass   sie   es   täglich   oder   mehrmals   am   Tag   wieder   aufladen müssen? Legen Sie es für zwei Tage weg! Und fühlen Sie, was Sie in den ersten Stunden fühlen! Für unser Gehirn ist das heutige Niveau an Informationsfluss praktisch ein Leben am Limit. Wir   merken   das   nicht.   Es   führt   jedoch   dazu,   dass   das   Grundniveau   an   Stress   wesentlich   höher   ist, als bei den Menschen von 1917. Vom hohen Grundniveau bis zur Überlastung ist es meist nicht mehr sehr weit. Ist    die    Überlastung    zu    häufig,    oder    wird    sie    gar    permanent,    kommt    es    zu    negativen Veränderungen   im   Gehirn.   Es   betrifft   die   Neurochemie   und   Regionen   wie   den   Hippocampus   und die Amygdala. Was ist die mögliche Folge davon? Wer jetzt an Burnout denkt, dem möchte ich nicht widersprechen. Wer jetzt an Depression denkt, dem möchte ich genauso wenig widersprechen. Nicht     von     ungefähr     melden     die     Krankenkassen,     dass     die     häufigsten     Ursachen     für Arbeitsunfähigkeit   orthopädische   Beschwerden   (Rücken,   Halswirbelsäule,   Migräne)   und   psychische Erkrankungen (Depression, Burnout) sind. Und wir sprechen hier von mehreren Millionen, die betroffen sind. Wird Stress zur Volkskrankheit? Denken   wir   mal   über   diese   Frage   nicht   nach,   sondern   setzen   uns   ins   Auto   und   nichts   wie   rein   in dichten    Verkehr.    Egal,    ob    Autobahn    oder    Innenstadt.    Was    fällt    uns    auf?    Entspanntes, rücksichtsvolles Fahrverhalten? Oder gnadenlose Drängelei? Stellen   wir   uns   einmal   vor,   wir   würden   das   Autofahren   zur   Entspannung   nutzen.   Ohne   das   Gefühl zu   haben,   möglichst   schnell   ans   Ziel   zu   kommen.   Wie   würden   wir   dann   fahren?   Hektisch?   Oder gemütlich? Es   ist   die   Zeit,   die   das   Autofahren   hektisch   macht.   Die   Zeit,   von   der   wir   glauben,   dass   wir   nie genug von ihr haben. Die Zeit, die uns vorschreibt, wann wir wo zu sein haben. ‘‘Wenn   wir   die   Zeit   als   Maßstab   für   unser   Tun,   unsere   Leistung,   betrachten,   dann   ist   die   Zeit der Motor des Stresses. Ein   befreundeter   Physiker   sagte   mir   mal,   dass   er   zur   Entspannung   zum   Laufen   geht.   Dass   er   in letzter Zeit aber selbst dabei nicht mehr entspannen konnte. Woraufhin   er   es   mit   Schwimmen   versucht   hat.   Und   sich   dann   wunderte,   dass   die   Entspannung dabei tatsächlich funktionierte. Wie das sein kann? Nun,   beim   Laufen   sind   wir   in   einer   gewohnten   Umgebung   und   vollführen   eine   gewohnte   Tätigkeit, die   wir   unterbewusst   als   ungefährlich   einstufen.   Damit   hat   das   Gehirn   Ressourcen   frei,   die   es   für unterbewusste    Analysen    verwendet.    Sprich,    es    arbeitet    weiter    an    den    Problemen,    die    uns beschäftigen, während wir laufen. Entspannung kann damit nicht funktionieren. Beim Schwimmen hingegen befinden wir uns in einer potentiell lebensgefährlichen Umgebung. Denn, wenn wir aufhören zu schwimmen, gehen wir unter und ertrinken. Das   Unterbewusstsein   weiß   das.   Es   erhöht   die   Konzentration   auf’s   Schwimmen.   Und   die   Teile   des Gehirns, die sich mit den Problemen, die uns beschäftigen, befassen, bekommen „Frei!“. Dies   ist   auch   der   Grund,   warum   man   beim   Wandern   in   bekannter   Umgebung   nicht   entspannen kann. Wo hingegen es beim Bergsteigen bestens funktioniert. Nichts   entschleunigt   besser,   als   eine   Hochgebirgstour,   bei   der   man   in   aller   Abgeschiedenheit,   5   bis 6    Stunden    am    Tag,    durch    unwegsames    Gelände    „schleicht“.    Und    am    Ende    die    Ruhe    einer Hochgebirgshütte genießen darf. Wer   sich   nach   drei   Tagen   Hochgebirge   wieder   ins   Auto   setzt,   wird   feststellen,   dass   sich   50   km/h anfühlen, als wären es 70 km/h. Wir wollen Stress vermeiden? Dann sollten wir unser Gehirn mit Dingen versorgen, die es nicht als Stress empfindet! Wir wollen abnehmen? Weniger essen, mehr bewegen! Wir wollen entspannen? Weniger   denken   (weniger   Informationen   aufsammeln   „zum   Teufel   mit   dem   Smartphone!“)   und mehr   bewegen!   (Fitneßstudio,   Radfahren,   Schwimmen,   Bergsteigen,   Wandern….)   Aber   all   das ohne jeden Zeitdruck!!!
Soziologie
Herbert Haß
Stress Autor: Haß, 08.07.2017 Was ist Stress? Stress   ist   jede   Form   von   körperlicher   und/oder   geistiger   Belastung,   die über    dem    gewohnten    Maß    liegt.    Das    heißt,    es    muss    nicht    einmal maximale   Belastung   oder   Überlastung   sein,   um   in   den   Bereich   von Stress zu kommen! Dabei   ist   Stress   nicht   gleich   Stress.   Es   gibt   Distress,   das   ist   Stress,   der uns    emotional    negativ    belastet    (Wut,    Angst,    Frust).    Und    es    gibt Eustress, der uns emotional positiv belastet (Freude). Stress entsteht immer, wenn: - für eine Tätigkeit nicht genügend Zeit zur Verfügung steht. - gleichzeitig mehrere Tätigkeiten ausgeführt werden müssen. - eine Tätigkeit zu umfangreich ist. - eine Tätigkeit eine andauernd hohe Konzentration erfordert. -   eine   Tätigkeit   unter   sozialem   Druck   (z.   B.   Anfeuerung)   ausgeführt    wird. - eine hohe Erwartungshaltung seitens Anderer (Zuseher) besteht. - eine Tätigkeit Angst generiert (Bergsteigen mit Absturzgefahr). - wir mit einer gefährlichen Situation konfrontiert werden. -   wenn   uns   negative   Emotionen   entgegengebracht   werden   (Zorn,   Wut,    Streit). - es zu vermindertem sozialen Kontakt kommt (Ausgrenzung). Die   Liste   ließe   sich   noch   weiter   fortsetzen   und   auch   in   Ursachen   für Distress   und   Eustress   kategorisieren.   Sparen   wir   uns   das   jetzt   (bevor obige   Liste   stressig   wird….)   und   widmen   uns   dem   Stressfaktor,   der sozusagen zu einem bösen Zeitgeist unserer Zeit geworden ist. Dafür verknüpfen wir Punkt eins und zwei aus obiger Liste. - wenn gleichzeitig mehrere Tätigkeiten, unter Zeitdruck,    ausgeführt werden müssen. Wir    leben    in    einer    Zeit,    in    der    Zeit    zu    einem    bestimmenden Faktor unseres Lebens geworden ist. Vergleichen     wir     es     mal     mit     früheren     Zeiten     anhand     einiger lebensbestimmender Faktoren. Informationsfluss: 1917: Zeitungen und mündliche Weitergabe (verbal) 2017:   Internet   (Computer/Smartphone),   Fernsehen,   Radio,   Zeitungen,           verbal. Informationsmenge: 1917: Gering, wenige sensationelle Nachrichten pro Woche. Meist die           nähere Umgebung oder Nachbarländer betreffend. 2017: Hoch, praktisch stündlich ein bis mehrere Nachrichten, die als           sensationell empfunden werden, unabhängig von ihrer           tatsächlichen Bedeutung. (Ein Furz darf stinken, aber ist er           es Wert, dass man über ihn redet?). Informationen sind nicht           mehr regional begrenzt, sondern werden global übermittelt.           (Die Welt heute, ist das Dorf von 1917). Informationsmittel: 1917: Zeitungen, Bücher 2017: Internet, TV, Kino, Video, Smartphone, Zeitungen, Radio, Bücher. Fortbewegung: 1917: Zu Fuß (ist gut für die Gelenke!), Pferd, Kutsche, Eisenbahn,           Schiff, Auto. 2017: Auto! Busse, Bahn, Flugzeug, U-Bahn, Schiff, zu Fuß.           (Anmerkung für „zu Fuß“) die Wege (Flanieren) zwischen Shops           und Supermärkten sind hier nicht gemeint. Sondern die Wege           von der Wohnung zu einem primären Ziel (Stadt/Arbeit/Freund) Arbeit: 1917: hauptsächlich körperliche Arbeit unter Verwendung realer           (greifbarer) Arbeitsmittel. 2017: hoher Anteil geistiger Arbeit unter Verwendung virtueller           Arbeitsmittel (Computer).           (Mit virtuell sind hier nicht die Tasten der Tastatur gemeint…). Arbeitsweg: 1917: Selten mehr als 2 Kilometer. Wurde in der Regel zu Fuß           bewältigt. 2017: 10 bis 30 Kilometer. Meist mit Auto, Bahn, Bus. Sozialer Kontakt: 1917: Primär direkter Kontakt mit verbaler Kommunikation in physisch           geringer Distanz zueinander. 2017: Primär indirekter Kontakt ohne physischen Kontakt. Vielfach           nonverbal (E-Mail, Smartphone). Prioritäten: 1917: Wohnung, Ernährung, Arbeit, soziale Umgebung (Nachbarschaftliche Kontaktpflege),           Freizeit. 2017: Statussymbole (Smartphone, Auto, Internetpräsenz, Arbeit),           Wohnung, indirekter sozialer Kontakt (social Network), Freizeit,           Ernährung. Entspannung: 1917: Plausch mit Nachbarn und Freunden. 2017: Erlebnisurlaub, Wellness, Entspannungsseminare           (how to come down…). Das   sollte   genügen,   um   zu   dem   Schluß   zu   kommen,   dass   1917   so einiges        sehr        viel        anders        war,        als        unsere        heutige Kommunikationsgesellschaft für normal hält. Menschen    des    Jahres    1917    hingegen    würden    uns    für    vollkommen überdreht halten. Allein     schon     Anbetracht     der     Entfernungen,     die     wir     jeden     Tag zurücklegen.    Ganz    zu    schweigen    von    der    Informationsvielfalt,    die täglich auf uns einströmt. Und   sie   würden   sagen,   dass   wir   keine   Zeit   für   uns   haben.   Dass   wir selbst    nach    der    Arbeit    noch    arbeiten.    Weil    sie    unsere    Suche    nach Informationen,             unser             dauerhaftes             Kommunizieren (Internet/Smartphone) als Stress empfinden würden. Wir   hingegen,   die   diese   Lebensart   gewohnt   sind,   merken   nicht   mehr, dass es Stress ist. Aber warum ist es Stress? Ich sage nur Hamsterrad! Was hat das nun damit zu tun??? Nun,   ein   Hamster   mag   sich   bewegen,   deswegen   spendiert   man   ihm   ein Hamsterrad,   in   dem   er   fleißig   laufen   kann.   Hat   jemand   schon   mal   einen Hamster   gesehen,   der   länger   als   ein   paar   Minuten   dauerhaft   läuft?   Der Hamster    weiß,    was    gesund    ist.    Er    rennt    so    viel    wie    nötig    ist,    um Muskeln,   Gelenke   und   Kreislauf   fit   zu   halten.   Dann   frisst   er,   hamstert rum, oder entspannt sich. Und    was    machen    wir?    Oder    besser    gesagt,    was    machen    wir    mit unserem Gehirn? Wir setzen es dauerhaft in ein Hamsterrad! Ständig   lassen   wir   Informationen   auf   uns   einprasseln.   Wir   könnten   ja etwas    verpassen.    Etwas,    was    uns    zwar    nicht    betrifft,    aber    uns unheimlich    wichtig    erscheint.    Denn    schließlich    ist    ja    nur    „In“,    wer mitreden   kann.   Und   dafür   muss   man   ja   wissen,   was   aktuell   durchs Internet   geistert.   Und?   Wie   lange   bleibt   die   eben   noch   so   wichtige Nachricht in unserer Erinnerung? Einen Tag, zwei Tage, eine Woche? Wann    ist    das,    was    heute    noch    so    spektakulär    erschien,    in    der Erinnerung verschwunden? Es    gibt    einen    Unterschied    zu    unserer    quasibewussten    emotionalen Einschätzung     und     zu     den     Einschätzungen,     die     unser     Gehirn unterbewusst vornimmt. Unser   Gehirn   ist   ein   fantastisches   Organ.   Und   es   ist   autonom.   Das heißt,   es   ist   in   hohem   Maße   selbstständig.   Es   analysiert,   berechnet   und trifft    Schlussfolgerungen,    ohne    dass    wir    davon    überhaupt    etwas merken. Unvorstellbar? Nun,   wo   kommen   sie   denn   her,   die   spontanen   Ideen,   die   wir   so   haben? Ganz    bestimmt    kommen    sie    nicht    aus    dem    Nichts.    Vielmehr    aus Regionen   unseres   Gehirn,   die   sich   der   bewussten   Kontrolle   und   den bewussten Gedanken entziehen. Unser   Bewusstsein   ist   nicht   gleichzusetzen   mit   unserem   Gehirn.   Unser Bewusstsein   ist   nur   ein   Teil   davon.   Man   könnte   sagen,   dass   es   die oberste Instanz ist, oder zumindest sein kann. Zurück   zur   spektakulären   Information!   Nachdem   wir   sie   verschlungen haben,     was     zur     Befriedigung     unserer     emotionalen     Erlebnisgier beigetragen     hat,     verbleibt     die     Information     erst     mal     in     den unzugänglichen   (unterbewussten)   Regionen   unseres   Gehirns   und   wird dort   auf   ihre   Nützlichkeit   hin   untersucht.   Kommt   dieser   Teil   des   Gehirns zu   dem   Schluß,   dass   die   Information   keinen   Nutzen   hat,   wird   sie   ad acta    gelegt.    Und    zwar    in    einen    Bereich,    wo    alle    eher    nutzlosen Erinnerungen    hinwandern    und    die    wir    dann    auch    nicht    so    einfach wiederfinden. Was   heute   noch   wichtig   und   sensationell   war,   wandert   über   Nacht   schon mal allzu leicht in den Ordner „Nebensächliches“. Und das mit Recht. Stellen   wir   uns   vor,   unser   unterbewusster   Teil   unseres   Gehirns   könnte mit   uns   reden.   Wie   oft   am   Tag   würde   es   wohl   sagen:   „Was   laberst   du mich voll!“ Nun,   unser   Gehirn   ist   von   der   Evolution   als   informationsverarbeitendes System geschaffen worden. Es   ist   also   dazu   da,   Informationen   zu   verarbeiten.   Deswegen   nimmt   es auch   gierig   alles   auf,   was   wie   eine   Information   auch   nur   aussieht.   Ganz besonders, wenn es neu ist, oder uns emotional stimuliert. Soziale, sensationell erscheinende, Neuigkeiten sind da erste Wahl. Das   bedeutet,   dass   wir   allzu   leicht   zu   einer   Art   Informationssklaven eines ausufernden informellen Systems werden können. Informationen als Droge? Ist das vorstellbar? Sie   nutzen   ihr   Smartphone   so   oft,   dass   sie   es   täglich   oder   mehrmals   am Tag wieder aufladen müssen? Legen   Sie   es   für   zwei   Tage   weg!   Und   fühlen   Sie,   was   Sie   in   den   ersten Stunden fühlen! Für   unser   Gehirn   ist   das   heutige   Niveau   an   Informationsfluss   praktisch ein Leben am Limit. Wir   merken   das   nicht.   Es   führt   jedoch   dazu,   dass   das   Grundniveau   an Stress wesentlich höher ist, als bei den Menschen von 1917. Vom   hohen   Grundniveau   bis   zur   Überlastung   ist   es   meist   nicht   mehr sehr weit. Ist   die   Überlastung   zu   häufig,   oder   wird   sie   gar   permanent,   kommt   es zu   negativen   Veränderungen   im   Gehirn.   Es   betrifft   die   Neurochemie   und Regionen wie den Hippocampus und die Amygdala. Was ist die mögliche Folge davon? Wer jetzt an Burnout denkt, dem möchte ich nicht widersprechen. Wer    jetzt    an    Depression    denkt,    dem    möchte    ich    genauso    wenig widersprechen. Nicht   von   ungefähr   melden   die   Krankenkassen,   dass   die   häufigsten Ursachen   für   Arbeitsunfähigkeit   orthopädische   Beschwerden   (Rücken, Halswirbelsäule,   Migräne)   und   psychische   Erkrankungen   (Depression, Burnout) sind. Und wir sprechen hier von mehreren Millionen, die betroffen sind. Wird Stress zur Volkskrankheit? Denken   wir   mal   über   diese   Frage   nicht   nach,   sondern   setzen   uns   ins Auto   und   nichts   wie   rein   in   dichten   Verkehr.   Egal,   ob   Autobahn   oder Innenstadt.     Was     fällt     uns     auf?     Entspanntes,     rücksichtsvolles Fahrverhalten? Oder gnadenlose Drängelei? Stellen   wir   uns   einmal   vor,   wir   würden   das   Autofahren   zur   Entspannung nutzen.    Ohne    das    Gefühl    zu    haben,    möglichst    schnell    ans    Ziel    zu kommen. Wie würden wir dann fahren? Hektisch? Oder gemütlich? Es   ist   die   Zeit,   die   das   Autofahren   hektisch   macht.   Die   Zeit,   von   der   wir glauben,    dass    wir    nie    genug    von    ihr    haben.    Die    Zeit,    die    uns vorschreibt, wann wir wo zu sein haben. ‘‘Wenn   wir   die   Zeit   als   Maßstab   für   unser   Tun,   unsere   Leistung,           betrachten, dann ist die Zeit der Motor des Stresses. Ein   befreundeter   Physiker   sagte   mir   mal,   dass   er   zur   Entspannung   zum Laufen    geht.    Dass    er    in    letzter    Zeit    aber    selbst    dabei    nicht    mehr entspannen konnte. Woraufhin   er   es   mit   Schwimmen   versucht   hat.   Und   sich   dann   wunderte, dass die Entspannung dabei tatsächlich funktionierte. Wie das sein kann? Nun,    beim    Laufen    sind    wir    in    einer    gewohnten    Umgebung    und vollführen     eine     gewohnte     Tätigkeit,     die     wir     unterbewusst     als ungefährlich   einstufen.   Damit   hat   das   Gehirn   Ressourcen   frei,   die   es   für unterbewusste   Analysen   verwendet.   Sprich,   es   arbeitet   weiter   an   den Problemen,    die    uns    beschäftigen,    während    wir    laufen.    Entspannung kann damit nicht funktionieren. Beim    Schwimmen    hingegen    befinden    wir    uns    in    einer    potentiell lebensgefährlichen Umgebung. Denn,    wenn    wir    aufhören    zu    schwimmen,    gehen    wir    unter    und ertrinken. Das    Unterbewusstsein    weiß    das.    Es    erhöht    die    Konzentration    auf’s Schwimmen.   Und   die   Teile   des   Gehirns,   die   sich   mit   den   Problemen,   die uns beschäftigen, befassen, bekommen „Frei!“. Dies    ist    auch    der    Grund,    warum    man    beim    Wandern    in    bekannter Umgebung nicht entspannen kann. Wo hingegen es beim Bergsteigen bestens funktioniert. Nichts   entschleunigt   besser,   als   eine   Hochgebirgstour,   bei   der   man   in aller   Abgeschiedenheit,   5   bis   6   Stunden   am   Tag,   durch   unwegsames Gelände   „schleicht“.   Und   am   Ende   die   Ruhe   einer   Hochgebirgshütte genießen darf. Wer    sich    nach    drei    Tagen    Hochgebirge    wieder    ins    Auto    setzt,    wird feststellen, dass sich 50 km/h anfühlen, als wären es 70 km/h. Wir wollen Stress vermeiden? Dann   sollten   wir   unser   Gehirn   mit   Dingen   versorgen,   die   es   nicht   als Stress empfindet! Wir wollen abnehmen? Weniger essen, mehr bewegen! Wir wollen entspannen? Weniger   denken   (weniger   Informationen   aufsammeln   „zum   Teufel   mit dem    Smartphone!“)    und    mehr    bewegen!    (Fitneßstudio,    Radfahren, Schwimmen,    Bergsteigen,    Wandern….)    Aber    all    das    ohne    jeden Zeitdruck!!!
Wissenschaft: Soziologie
Herbert Haß